04.10.2003


04.10.03

Der Tag, der unser Leben veränderte: 

lebenslänglich

 in Schmerz, ewiger  Sehnsucht und nur noch Erinnerung.

   Die Zukunft fehlt. Die Nähe fehlt. Ein Teil von mir fehlt

Dieser Samstag begann wie viele Samstage vorher. Stefanie hat den Vormittag mit ihrer großen Schwester mit Bummeln in der Stadt verbracht. Um 13.00 Uhr hatte Steffi schon wieder einen "sehr, sehr  wichtigen" Termin, hier in Wilting, mit einer ihrer Freundinnen.

Unsere Große, die zu der Zeit in Hamm, eine Ausbildung beendet, war weiter nach Regensburg zu Freunden gefahren. Mein Mann und ich arbeiteten im Garten. Um ca. 14.28 Uhr habe ich Stefanie am Handy angerufen und um mit ihr zu besprechen bis wann sie wieder nach Hause kommt, da ich mit ihr alte Bücher am Speicher aussortieren wollte. Stefanie meinte in ca. 1 Stunde daheim zu sein. Sie war immer überaus pünktlich, oder rief bei jeder Verspätung vorher zu Hause an.

Gegen 15.18 Uhr liess mich "etwas" in die Wohnung gehen und aus dem Fenster schauen, von dem ich einen Teil von Stefanies Rückweg sehen konnte. Mir kamen die Gedanken in den Kopf: "das ich sie doch heute mit dem Auto abholen könnte, weil ein besonderer Tag ist". Wie ich auf "besonderer" Tag kam, wunderte mich zu dem Zeitpunkt stark: denn unsere Große war ja schon wieder weitergefahren und sonst gab es auch nichts besonderes. Das Abholen ließ ich dann doch sein.

Ca. eine halbe bis dreiviertel Stunde später musste mein Mann in den Garten, um unseren Hund, der jeden Besucher mit Bellen ankündigt, in die Wohnung hereinzuholen, denn wir hatten den Notarztwagen vor der Tür gesehen und dachten, dass er zu unseren Mitbewohnern möchte. Ich habe mich sehr gewundert, weil Helmut so lange braucht um mit dem Hund hereinzukommen: er kann doch sich doch nicht mit dem Notarzt unterhalten, wenn dieser von unseren Nachbarn unter uns gebraucht wird ???

Plötzlich ging unsere Tür auf und mein Mann und ein "kreidebleicher" Notarzt kamen herein. Beim Anblick von Dr. F. (Notarzt) wusste ich, dass etwas ganz schlimmes passiert sein musste. Wir sollten uns bitte zuerst hinsetzen sagte Dr.F. müsse uns was schlimmes sagen. Ich habe mich gleich auf den Boden gesetzt und ihn immer wieder gebeten doch zu sagen was passiert ist, da Dr. F.r uns ganz langsam und behutsam auf das schlimmste im Leben,was einem passieren kann,  vorbereiten musste.

Ich glaube ich habe gebetet, dass jetzt die Worte kommen: Stefanie hat schlimme Verletzungen, Stefanie hat zu viel Alkohol getrunken, ich habe sogar gehofft, dass sie Drogen genommen hatte. (Ich wünschte für mein Kind Vorfälle, für die es immer noch eine HOFFNUNG gibt) Dann kam der Satz:

 STEFANIE IST TOT

Ich konnte diesen Worten nicht glauben und musste Stefanie selber sehen. Ein Nachbar hat uns, nachdem wir Beruhigungsspritzen bekommen hatten, sofort an die Unfallstelle, die nur ca. 300 m vor unserer Haustür ist, gefahren. Dort lag ein Traktor in der Wiese und eine Decke lag davor,die Polizei hatte gerade begonnen die Strasse zu vermessen, unsere Tochter war nicht  dort.

Wir mussten, hier am Ort in die Leichenhalle fahren und standen vor einem "Blechsarg". Es ist die Hölle auf Erden den Reissverschluss eines Plastiksacks aufmachen zu müssen und sein Kind zu suchen. Zuerst sagte ich: das ist sie nicht ! Dieser Satz hat nicht geholfen, sie war es. Dann sagte ich: hier ist sie nicht !! (Die Bedeutung meines letzten Satzes werde ich wohl erst verstehen, wenn ich selbst gestorben bin)

Ich habe dann den Körper meiner Tochter gestreichelt, ihre Hände waren kalt, ihr ganzer Körper begann schon kalt zu werden.  Ich hielt meine Hände an die Halsschlagader (vielleicht war sie ja nur bewustlos und der Arzt hatte sich geirrt, es kann doch nicht sein, ich hatte doch vor eineinhalb Stunden noch mir ihr telefoniert, sie wollte doch zu mir heimkommen). Ich wollte Stefanie noch einmal in den Arm nehmen, aber ihr Hals war ganz steif und ich wollte ihr nicht wehtun. Dazwischen die Anordnung der Polizei: die Leiche, bzw. Oberbekleidung ist beschlagnahmt. (Den Tod nicht begreifen zu können und nicht über die tote Tochter "verfügen" zu können, die Staatsanwaltschaft entscheidet .....)

Nach welcher Zeit, des Streichelns und NICHT-Begreifens wir wieder gegangen sind, weiss ich nicht mehr. Auch die nächsten Tage/ Wochen waren wie in Trance.

Warum: Stefanie wollte wie immer pünklich nach Hause kommen und fuhr mit einem 17 jährigen auf einem sehr alten Traktor, auf dem Schutzblech mit,  auf dem vorgesehenen Beifahrersitz sass bereits ein anderer Junge.  Lt. polizeilicher Ermittlung ist der Fahrer in eine Kreuzung mit überhöhter (!!!) Geschwindigkeit gefahren, kam aufs Bankett und von der Strasse ab. Der Fahrer lenkte dagegen, wodurch der Traktor auf der Böschung umkippte und wieder auf die andere Seite zurückkippte. Vermutlich der Überrollbügel des Traktors, der eigenlich Leben retten soll, verletzte unsere Stefanie so schwer am Kopf, dass sie noch an der Unfallstelle, nach erfolgloser Wiederbelebung,  verstarb.

Der Fahrer und der andere Beifahrer blieben unverletzt.

Manchmal denke ich, das dieses "ans Fenster gehen lassen", der wohl zu dem Zeitpunkt des Todes war, ein Hilfeschrei von Stefanie oder "der" Abschied war.

Heute nach über 6 Monaten warte ich (wir) immer noch darauf, dass die Tür aufgeht und......  Wir können immer noch nicht den Gedanken an die Wirklichkeit zulassen: er nimmt die Luft zum Atmen, er reisst das Herz heraus.

  Am 4.10.03 ist für uns die Zeit und die Welt stehen geblieben:

alles ist anders und wird nie mehr so sein wie es mal war

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